Brokdorf: „Dies ist die zweite und letzte Ansage…“

Eigentlich wollten wir ja zu Pfingsten mit der Kampagne Block Brokdorf die Revisionsarbeiten am Atomkraftwerk Brokdorf blockieren – nach der Verschiebung der Revision durch e.on hatte das zweite Blockadebündnis, x-tausendmalquer, seine Aktion um eine Wochen verschoben, während Block Brokdorf abgesagt hat. Weder in den Strukturen noch in der Mobilisierung sah die ganz große Mehrheit des Bündnisses das Potential, an diesem Wochenende Massenblockaden zu stemmen.

Nach einer kurzen Rückfrage in einigen Landesverbänden haben wir im AK Klima dann vorgeschlagen, nun doch an den Blockaden von xtq teilzunehmen – in dem Wissen, dass unsere Vorstellungen einer effektiven Blockade dort nicht immer zu hundert Prozent geteilt werden. Der Entscheidung folgte dann immerhin noch ein rundes Dutzend Aktivistinnen aus Verband und Umfeld – nicht viel, aber bei insgesamt 120 Menschen, die am Samstag zur Blockade aufbrachen, auch kein völlig zu vernachlässigender Anteil.

Für meine Bezugsgruppe war die Aktion auch eine kleine Übung in interkultureller Kommunikation: So fragte einer von uns gleich mal im Infozelt nach dem nächsten Delegiertenplenum, worauf sein verdutztes Gegenüber erst einmal überlegen musste, bevor ihm einfiel: „Ach so, das heißt bei uns SprecherInnenrat“. Im ersten SprecherInnenrat ging es dann auch um die Frage, ob eigentlich am nächsten Tag beide Tore blockiert würden.

Das war für uns die Mindestbedingung, um überhaupt loszugehen und das ganze Blockade nennen zu können, und zum Glück fand sich eine ausreichende Gruppe, um das Nebentor zu blockieren. Nach einer Demo zum Atomkraftwerk mit 120, 130 Menschen blieben wir dann am ersten passierten Tor stehen und sitzen, während einige AktivistInnen noch schnell einen Tripod herbeizauberten, auf dem sich eine Kletteraktivistin festsetzte. Der Rest der Demo zog dann weiter zum Haupttor, wo sich eine zweite Blockade bildete.

Zwischen dem Aussitzen gelegentlicher Regenschauer unter Planen und dem Genießen weniger Sonnenstrahlen hatten wir dann ein paar fast gemütliche Stunden – nur, wer sich den Deich hinauf wagte wurde beim Blick zurück schmerzlich daran erinnert, dass wir uns diese Aktion mal ein paar Nummern größer vorgestellt hatten.

Nach einigen Stunden recht entspannten Zuschauens kam dann doch Bewegung in die Polizei: Ein Beamter stellte sich als Herr Zimmer vor, er sei der Einsatzleiter in unserem Abschnitt und müsste uns dann doch bitten, die Zufahrt für den Schichtwechsel freizumachen, weil er uns sonst gegebenfalls… Leider wurde Herr Zimmer in diesem Moment mit filmreifer Komik durch eine Lautsprecherdurchsage von der anderen Seite des Zauns unterbrochen, in der sich ein anderer Polizist die Einsatzleitung zusprach, uns darauf hinwies, dass wir die Zufahrt zum und damit den Betrieb des AKWs blockierten (das hört man gerne, wenn man sich zum blockieren verabredet hat…) und forderte uns zum gehen auf.

Dummerweise hatte dieser Polizist anscheinend noch keine Basis-Rechtshilfeworkshops mitgemacht, wie sie Bestandteil jedes mittleren und kleineren Aktionstrainings sind – von einer eigenen Auflösung ganz zu schweigen. Er wusste nämlich nicht, dass zur rechtmäßigen Auflösung und Räumung einer Versammlung 3 – in Worten: DREI – Aufforderungen an die TeilnehmerInnen, sich zu entfernen, nötig sind. Somit schickte der gute Mann seine Leute dann nach zwei Aufforderungen in eine rechtswidrige Räumung.

Ich wäre auch nach der dritten Aufforderung nicht gegangen, insofern sei das hier nur um der Genugtuung über die Unfähigkeit der Gegenseite wegen wiederholt. Ob Her Zimmer das besser hinbekommen hätte, wissen wir nicht – die Machtfrage in der Polizei entschied sich anscheinend durch die Kontrolle über den Lautsprecherwagen. So begann dann die erste Räumung, bei der sich ein Großteil recht einfach wegtragen ließ, während die letzte Reihe am Tor sich untergehakt hatte und zwei Leute noch ein Dixie-Klo erkletterten und von einem Polizeikletterer heruntergeholt werden mussten.

Schließlich war die Straße frei und die Busse mit ArbeiterInnen, die vorher schon etwa anderthalb Stunden im Ort Brokdorf gewartet hatten, konnten ins Kraftwerk fahren. Während ich gegenüber der Polizei eine deutlich wenige freundliche und versöhnliche Haltung habe als ein guter Teil der x-tausend-Blockade fand ich es doch falsch, dass einige den ArbeiterInnen „schämt euch“ entgegenriefen oder ausgestreckte Mittelfinger zeigten. Gerade bei den Revisionsarbeiten werden vor allem prekär Beschäftigte und LeiharbeiterInnen höheren Strahlenbelastungen ausgesetzt als die Stammbelegschaften und dafür mit zwar relativ hoher Bezahlung, aber nicht einmal sicheren Arbeitsplätzen schlecht entschädigt. Die Profiteure der Atomenergie und damit unsere ersten GegnerInnen sind die, die die Dividenden der Energiekonzerne kassieren – nicht die, die für diese Profite ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen.

Wir warteten dann einige Stunden auf der Straße neben dem Tor, die Polizei zog sich von den ursprünglichen Ketten zu ihren Autos zurück. Gegen zehn Uhr abends, zwei Stunden vor dem nächsten Schichtwechsel, nahte dann über den Deich Verstärkung von der Hauptblockade. Hektische Betriebsamkeit seitens der Polizei konnte nicht verhindern, dass wir uns gleichzeitig an ihren Autos vorbei zum Tor bewegten und dort wieder hinsetzten. Gegen Mitternacht wurde dann wieder geräumt – diesmal am anderen Tor.

Meine Bezugsgruppe brach dann zurück ins Camp aus, von wo einige sich am Sonntagmorgen noch der letzten Runde anschlossen, die kurz die Ausfahrt der Nachtschicht blockieren konnte. Ein Teil der Blockade harrte dagegen die ganze Nacht vor dem Nebentor aus.

Unsere Bilanz der Aktion fiel eher positiv aus – bei aller Schwäche immerhin ein Zeichen der Existenz der Anti-Atom-Bewegung nach dem schwarz-gelben „Konsens“versuch und bei der Ankündigung der grünen Parteiführung, dem jetzt zustimmen zu wollen. Nebenbei habe ich gemerkt, dass ich echt nicht mehr auf dem Stand bin, was das Personal der anderen politischen Jugendverbände angeht: Beim Start der Demo waren weder Jusos noch Grüne Jugend erkennbar vertreten, obwohl beide den Aufruf von xtq unterzeichnet hatten. Auf der Blockade saßen später zwei, drei junge Menschen neben einer grünen Anti-Atom-Sonne, von denen ich mich an einen dunkel als früheren Vertreter der Grünen Jugend bei attac erinnerte.

Zu Hause vor dem Laptop habe ich dann im zdf gesehen, dass die Frau neben ihm anscheinend die aktuelle Bundessprecherin war (und die Gj hat anders als wir nur zwei SprecherInnen…). Naja, ich würde mal wetten, dass die sich auf dem Parteitag nicht durchsetzen und die Partei den schwarz-gelben Atomkurs fürs kommende Jahrzehnt absegnet. Schade, denn auch wenn ich wenig Illusionen übrig habe, was die Grünen angeht, ist damit der gesellschaftliche Konflikt um die Atomkraft in der Breite wohl erstmal beerdigt. Großdemos mit sechsstelligen TeilnehmerInnenzahlen sehen wir dann frühestens nach dem nächsten Gau wieder, so zynisch das auch klingt.

Im Herbst rechne ich dagegen noch einmal mit einem ordentlichen Protestschub im Wendland: Mindestens in der radikalen Linken sind viele vom letzten Jahr angesteckt oder wollen noch mal richtig an die Schiene und das 2010 knapp verpasste große Loch buddeln, und auch die riesige Schienenblockade von Widersetzen dürfte Wiederholungs- und NachahmungstäterInnen anziehen. Offener ist da wohl die Frage, ob und wie es gelingen kann, den bürgerlicheren Teil der Bewegung wieder in großer Zahl mindestens zur Auftaktdemo und vielleicht noch einige weitere zu den Sitzblockaden zu bewegen. Nicht unsere erste Baustelle, aber auch nicht ganz egal für die Strahlkraft der Aktionen zivilen Ungehorsams. Für unseren Verband hoffe ich jedenfalls, dass noch mehr als die hundert vom letzten Jahr ins Wendland kommen, dass mehr Leute fürs ganze Wochenende und auch darüber hinaus bleiben, und dass wir das ganze noch mehr zusammen und koordiniert hinbekommen. Also ne Menge Arbeit für den Sommer…

Presse dazu:
NDR-Bericht mit Fotoserie
Bericht bei heute
ND-Artikel, der auch ein bisschen auf die Auseinandersetzungen in der Bewegung eingeht

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