ganz schön viel Szene, ganz schön viel Presse und eine gelungene Demo – der Slutwalk in Hamburg

Beim Hamburger Sluwalk waren heute nachmittag nach Durchsagen während der Demo ca. 1.000 Leute. Ich habe nicht selbst gezählt, aber die Größenordnung stimmt auf jeden Fall. (Update: in der Pressemitteilung des Bündnisses werden 1.500 gemeldet – aber die Zahlen für die Presse sind ja gerne mal etwas höher, um die notorisch unterschätzende Polizei zu kompensieren). Als ich gegen viertel nach drei am Treffpunkt ankam, sah das ganze noch deutlich kleiner aus und dafür fielen die zahlreichen JournalistInnen und Kamerateams doch sehr auf. Naja, eigentlich hätte mich das nicht überraschen sollen, die Slutwalks hatten ja im Vorfeld schon recht viel Medienecho und sind natürlich eine medial sehr wirksame Aktionsform. Was mich dann doch überrascht hat, war, wie viele Leute auf der Demo aus der linken und linksradikalen Szene waren. Ich hätte eher damit gerechnet, dass einige die kritischen Debatten um die Aktionsform (wie hier im Mädchenblog mit einem positiven Fazit) am Ende mit einem Fernbleiben abgeschlossen hätten (was ich sehr schade gefunden hätte) und auf der anderen Seite mehr Leute angesprochen werden, die sonst nicht unbedingt auf Demos gehen oder überhaupt politisch aktiv sind.

Andererseits war die Aufmerksamkeit jenseits der Szene wahrscheinlich nicht groß genug, dass viele Menschen im Vorfeld davon mitbekommen hätten – und ich weiß gar nicht, ob es eine breite Mobilisierung für diese Zielgruppen gab. Jedenfalls bin ich gespannt auf das Medienecho – ein RTL-Kamerateam hat heute einige PassantInnen am Rande der Demo interviewt, da kann ja spannendes rauskommen. Ein ganz interessanter Bericht, der etwas über die Standardagenturmeldung hinausgeht, ist bei der FR bereits online – bei den meisten Medien, die die dpa-Meldung wiedergeben, sind dann eher die Debatten aufschlussreich.

So meint ein Leser von Welt online:

Ich würde so eine „Schlampe“ nicht mal mit Handschuhen anfassen. Aber wenn irgendein „Schlamper“ so eine „Schlampe“ ohne deren Einverständnis anmacht, muss sie sich nicht wundern. Gleich und gleich gesellt sich eben gern.

und bekommt dafür mal gleich 35 „Empfehlungen“, was ihn zum zweitbeliebtesten Kommentar macht – nach „frau weiß genau wie sie vorteile aus ihrer sexualität macht“ und vor

Sexuelle Signale und Reize sollen also keine mehr sein,
was fürn völliger Blödsinn.
Wenn Frauen meinen sie müssten sich zwanghaft sexualisieren,
ich finds einfach nur abstoßend.

Bei tagesschau.de läuft die Debatte weniger grausam – zwar werden auch dort im Einzelfall Vergewaltigungsmythen reproduziert, an deren Existenz ich vor der Slutwalk-Debatte selbst kaum geglaubt hätte

Die Leute rennen offene Türen ein – wozu?

Ich frage mich was das alles soll. Frauen sind in Deutschland selbstbestimmt und frei – in manchen Bereichen sogar mehr als Männer.

Etwas grotesk und unfreiwillig komisch finde ich, daß sich manche der dort teilnehmenden Frauen tatsächlich noch sexy finden und einen auf potentielle Vergewaltigungsopfer machen…

und einige verkennen das Problem des victim blaiming, also der Zuweisung von Schuld oder Mitschuld an die Betroffenen sexualisierter Gewalt, indem sie etwa den Spruch des kanadischen Polizisten, der Auslöser des ersten Slutwalks war, mit einer Beratung über einbruchssichere Türen vergleichen, aber viele UserInnen solidarisieren sich mit der Aktion, auch solche, die deutlich keinen feministisch/dekonstruktivistisch/linksradikalen Hintergrund haben:

Wow also was der Satz eines Polizisten auslöst…

…ist schon unglaublich. Allerdings stimme ich da nicht zu. Schließlich gibt es auch sowas wie selbstbeherrschung. Ich als Mann bin froh in einer Zeit zu leben wo man(n) Frauen hübsch bekleidet sehen kann. Das ist lange kein Grund zur Vergewaltigung. Wenigsten weiss ich jetzt, warum man Wörter wie SChlampe und Flittchen benutzt im anderen Artikel wurde das nicht erwähnt.
Ich finde es ehrlich gesagt gut, dass man demonstriert. Die Taten einiger Leute bringen auch sehr oft andere in Verruf. Vergewaltigungen bringen zum Beispiel Männer in verruf und der GRÖßTE Teil wird (das ist für einige sehr überraschend) NICHT von den Hormonen gesteuert. Ich finde diese Aktion gut^^
Übrigens haben auch Männer mitdemonstriert.

Aus Berlin meldet die Polizei übrigens tausend TeilnehmerInnen, wenn da wie in Hamburg der Faktor vier gilt (die Presse redet hier von 250), eine beachtliche Leistung! Zahlen von den OrganisatorInnen anderer Orte oder Leuten die da waren habe ich noch nicht gefunden, wenn ihr was wisst ergänzt es doch!

Update:

Zwei durchaus lesenswerte Kritikpunkte am Hamburger Slutwalk gibt es hier: Liron findet, dass sich die Slogans und Beiträge zu sehr auf Sexismus gegen Frauen fokussiert hätten und darüber die Unterdrückung von Trans* und Menschen, die sich nicht in die herrschenden Geschlechterkategorien einordnen, vernachlässigt worden sei. Das habe ich überhaupt nicht so wahrgenommen, vielmehr wurden diese Probleme ausdrücklich in Redebeiträgen erwähnt – und dass sexualisierte Gewalt sich vor allem gegen Frauen richtet, bestreitet Liron ja gar nicht.

Die andere Kritik richtet sich an die linksradikalen Slogans, die im vordersten Block der Demo gerufen wurden („Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“) – damit hätte eine linksradikale erste Reihe quasi die Demo vereinnahmt. In einem Kommentar heißt es sogar, der Slutwalk sei doch eigentlich ein „(supposedly) politically neutral event“. Mit der Annahme kann ich wenig anfangen, ich halte es grundsätzlich für schwierig, sich in unserer Gesellschaft politische neutral zu verhalten. Im Konkreten würde ich sagen, dass es sich eben nicht um eine Vereinnahmung handelte – vielmehr gab es keinen Protest gegen diese Slogans, weil der Hamburger Slutwalk im wesentlichen eine linksradikale Demo war. Und auf so einer können und sollen die Leute am Fronttranspi natürlich auch linksradikale Slogans rufen.

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