Berlin: Occupy Bundestag geräumt

Eine Versammlung im Anschluss an die Occupy together-Demo in Berlin am 15. Oktober wurde in der Nacht auf Sonntag durch die berliner Polizei von der Wiese vor dem Bundestag geräumt. Zuerst entrissen Polizisten den beim Temperaturen um den Gefrierpunkt auf den Boden sitzenden Matten, Decken und Schlafsäcke mit Gewalt. Nach einer halbstündigen Pause wurden die Versammelten dann beiseite geschleift, mit Schmerzgriffen zum Aufstehen gezwungen und weggeschubst.

Eigentlich konnte ich nur Mittags kurz in einer Pause der BundessprecherInnenratssitzung der Linksjugend [’solid] bei der Kundgebung am Neptunbrunnen vorbeischauen – zu der Zeit hätte ich die Menge auf etwa 2.000 Leute und damit schon recht viele geschätzt, aber es wurden später noch deutlich mehr. Als die Sitzung gegen neun Uhr vorbei war, wollten wir zu zweit noch einmal kurz am Bundestag vorbeischauen – wir hatten gehört, dort seien noch Leute, obwohl die Polizei ihnen schon alle Zelte weggenommen hätte. Um etwa halb zehn kamen wir an der Wiese vor dem Bundestagsgebäude an. Zwei- bis dreihundert Leute, die meisten auf dem Boden sitzend, hielten eine Versammlung. Dabei sprach eine Person immer nur wenige Worte, die dann von den um sie herumsitzenden im Chor wiederholt wurden. Die Leute sprachen über ihre Gründe, da zu sein, ihr Wut auf die Banken, das System und die korrumpierte Macht in einer angeblichen Demokratie.

Wir trafen noch einzelne Bekannte aus Berlin und standen am Rand der Versammlung, als Polizeieinheiten anrückten und begannen, an Sitzenden zu zerren. Da wir das für eine Räumung hielten und in der Situation nicht gehen und andere dort zurück lassen wollten, haben wir uns dazugesetzt. Einige Minuten später wurde klar, dass es in dieser Runde noch nur um Decken ging – immer wieder stapften Gruppen von fünf bis zehn Beamten durch die Sitzenden, zerrten Menschen zur Seite und entrissen ihnen Decken, Alu-Rettungsfolien, Schlafsäcke und Isomatten – auch solche, auf denen sie saßen. Uns wurde berichtet, das zuvor an einzelnen Stellen auch Pfefferspray eingesetzt wurde.

Während wir so am Rand der Versammlung saßen, bemerkte ich, dass ich zwei Menschen in der Reihe direkt hinter mir von anderen Protesten kannte – aus dem Wendland, aus Kopenhagen und vielen anderen Orten. Es waren zwar ganz viele neue Leute da, die solche Aktionen zum ersten mal mitgemacht haben, aber eben auch einige bekannte Gesichter. Als die Polizei dann genug Decken gestohlen hatte und uns eine Atempause blieb, entfachte sich eine Debatte – anscheinend hatte die Polizei einen anderen Standort „angeboten“, wenn wir freiwillig gehen würden. Einige wenige wollten darauf eingehen, aber die große Menge entschied sich zu bleiben – angesichts der Kälte und nun fehlenden Decken eine sehr mutige Entscheidung, wie ich fand.

Doch als die Polizei merkte, dass die Kälte allein uns nicht vertreiben würde, forderte sie uns per Lautsprecherdurchsage zum gehen auf und drohte mit der Räumung. Die begann dann nach der dritten Durchsage mit einer anrückenden Polizeikette – aber statt sitzende Menschen wie bei solchen Aktionen üblich beiseite zu tragen, rissen sie uns hoch, zwangen uns mit sogenannten Schmergriffen wie dem Verdrehen von Handgelenken oder Armen, Druck auf empfindliche Stellen am Hals oder ins Gesicht zum Austehen und schubsten Menschen dann beiseite. Wo das nicht klappte, zerrten sie Menschen auch über den Boden. Da die „Geräumten“ hinter keine Absperrung gebracht wurden, setzten sich einige wieder am Ende der Versammlung hin. Bei meiner ersten Räumung wurde dem Menschen neben mir das Handgelenk so brutal verdreht, dass er vor Schmerzen schrie. Beim zweiten mal zog mich ein Polizist an den Haaren, während er mich über den Boden schleifte. Wenig überraschend verweigerte er auf wiederholte Frage die Herausgabe seiner Personalnummer und verschwand schnell hinter einigen KollegInnen, nachdem er mich losgelassen hatte.

Auch ein Polizist, der mir später Tritte vors Schienbein androhte, wenn ich nicht schneller vom Platz gehen würde, gab als Personalnummer nur „12345“ an und verweigerte das Vorzeigen eines Ausweises – auf dem würde die Nummer nicht stehen. Dummerweise hatte ich vorher schon den Ausweis eines anderen Polizisten mit Personalnummer zu Gesicht bekommen. Mit der Lüge konfrontiert meinte er „Da steht nicht die Nummer, die ihr bekommt.“. Trotz dieser mit Unfähigkeit gemischten Brutalität und Willkür war das ganze für mich eine inspirierende und Kraft gebende Erfahrung – tausende Menschen, die sich versammelt hatten, und ihre Wut zum Ausdruck brachten, und hunderte davon, die lange als Versammlung blieben und von denen viele sich sicher zum ersten, aber nicht zum letzten mal offen der Polizei widersetzten, als ihnen befohlen wurde, ruhig zu sein und nach Hause zu gehen. Daraus kann noch mehr werden, und wir werden wieder kommen. Occupy together – we are the 99 percent!

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Eine Antwort zu Berlin: Occupy Bundestag geräumt

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