Buko neu denken?

Unsere Bundeskongresse haben ja in Form und Ablauf üblicherweise eine massive Ähnlichkeit mit Parteitagen – auf den Grundfesten der parlamentarischen Mehrheitsdemokratie wird beantragt, diskutiert, entlastet, gewählt und abgestimmt. Das ist so üblich – in der traditionellen Linken seit zumindest rund anderthalb Jahrhunderten, und wir haben bisher nie wirklich darüber diskutiert, es anders zu machen.
Das könnte sich schon für den kommenden Bundeskongress (wahrscheinlich im März 2012) ändern: Über den LV-Verteiler, auf dem (hoffentlich) alle Mitglieder in LandessprecherInnenräten sowie Länderratsdelegierte des Verbandes vertreten sind, gab es eine mail mit dem vielversprechenden Titel „Buko neu denken“ – einige Genossinnen und Genossen, vornehmlich aus Berlin und Umfeld, fragen sich

Wie können emanzipatorische politische Bildungsmethoden auf einem Bundeskongress realisiert werden? Wie könnte ein Bundeskongress jenseits der üblichen und vielleicht nicht immer notwendigen Atmosphäre realisiert werden?

Denn was immer so war, ist nicht zwangsweise gut:

Wenn immer einE redet und 249 zuhören, macht das bei großzügig veranschlagten 18 Stunden Rede- und Debattenzeit am Wochenende gerade einmal vier Minuten pro Person. Und wir alle wissen, dass die nicht gleich verteilt ist: Die Tagesleitung, scheidende und neu kandidierende BundessprecherInnen sowie notorische Vielredner (seltener -innen) bekommen den größeren Batzen davon, während einige Delegierte mit Sicherheit nach Hause fahren, ohne je zum Plenum gesprochen zu haben. So heißt es in den Buko neu denken – email:

Wir wünschen uns einen BuKo, auf dem vor allem auch neue Delegierte und jüngere Mitglieder ihre Ideen und Meinungen besser einbringen
können

Andere Methoden könnten also dazu führen, dass mehr Leute aktiv werden, dass nicht nur wenige reden und die meisten den Bundeskongress eher konsumieren (müssen), und – vielleicht noch wichtiger – dass wir uns anstelle inhaltlicher Debatten nicht nur im Ringen um fertiggeschriebene Papiere scharfe Worthülsen an die Köpfe werfen. Sicher ist Polemik ein nicht zu verachtendes Mittel der Rhetorik und auch diesen Zeilen nicht völlig fremd – aber die Frage wäre doch, ob wir die Zeit, das Geld und die Energie, die wir als Verband aufwenden, um unsere wichtigste Veranstaltung des Jahres zu organisieren, nicht produktiver nutzen könnten als für Schaufensterreden, wie sie Abgeordnete eines Parlamentes dem politischen Gegner entgegenschleudern.

Die haben etwa im Deutschen Bundestag ihren legitimen Platz: Wenn dort Linke reden, wollen sie nicht gemeinsam mit den anderen Fraktionen Konzepte und Strategien entwickeln, sie wollen nicht einmal die anderen Abgeordneten überzeugen. Es geht darum, einem realen oder imaginären Publikum darzulegen, dass die eigene Fraktion die besseren Ideen, die besseren Antworten auf die Probleme hat, um bei den nächsten Wahlen mehr gewählt zu werden und vielleicht die gesellschaftlichen Diskurse und Machtverhältnisse ein wenig zu verschieben.

Nicht nur mangels Liveübertragung zumidnest bei Pheonix und von Ausschnitten in der Tagesschau und Tagespresse – anders gesagt, wegen der Abwesenheit eines Publikums – ist die Ausgangslage auf unserem Bundeskongress eine andere: Wir kommen mit Menschen zusammen, mit denen uns ein politisches Ziel, ja ein ganzes Programm verbindet. Wir können auf der Grundlage gemeinsam darum ringen, wie wir die besten inhaltlichen Positionierungen vornehmen, die besten Kampagnen entwickeln und die besten Projekte auf den Weg bringen, unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen. Das hat in den letzten Jahren auch oft stattgefunden: In der Antragsberatung im Vorfeld, noch am Freitagabend auf dem Buko und in kleinen Runden in den Pausen, die noch über die Zusammenlegung und Übernahmen von Anträgen verhandelten oder gemeinsam neue entwarfen. Könnten wir diesen Prozess nicht um ein vielfaches verbessern, wenn wir ihn vom Rand ins Zentrum des Kongresses holen? Ich glaube schon – auch, wenn es sicherlich einige Fallstricke gibt.

Einer davon ist die Frage der Demokratie – partizipativere Methoden sind nicht unbedingt demokratischer, sondern bieten manchmal noch einen größeren Spielraum für intransparente, informelle Machtstrukturen. Vielleicht müssten wir für den Anfang bereit sein, weniger Dinge gut zu tun – zum Beispiel nicht so viele Anträge veranschieden, aber wenige genau diskutieren.

Aber wie könnte ein anderer Buko konkret aussehen? Ein wichtiges Element wäre sicher, in kleineren Gruppen an Fragen zu diskutieren und zu arbeiten. Einen recht formalisierten Weg dahin gehen die JungdemokratInnen auf ihren Kongressen. Das kann ich mir für unseren Buko nicht so gut vorstellen – ich glaube, wenn wir von der traditionellen Plenumsform weggehen, müssen wir auch die übliche Mehrheitsdemokratie in Frage stellen und zum Beispiel versuchen, an einzelnen Punkten konsensorienntiert zu arbeiten, wie wir das auch in Bezugsgruppen auf Demos und Aktionen tun. Das hieße, gemeinsam Lösungen zu finden, mit denen alle Leben können – und funktioniert natürlich nur, wenn alle Beteiligten sich darauf einlassen wollen.

Wahrscheinlich wird es in vielen Fragen auf einem Bundeskongress Dissens geben, den wir an einem Wochenende auch nicht klären können und am Ende abstimmen müssen. Wie und ob wir das alles organisieren uns zusammenbringen können, ist sicher noch offen. Aber ich bin gespannt, welche Antworten die Frage hervorbringen wird.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Buko neu denken?

  1. Pingback: Wie wird der Buko und was wird aus unserer Homepage? | fepix

  2. Pingback: Linksjugend ['solid] 2011 – ein Jahresrückblick | fepix

  3. Pingback: Dafür macht man die Arbeit! | fepix

  4. Pingback: Die Krise verläuft zwischen oben und unten – nicht zwischen den „Völkern“ | fepix

  5. Pingback: März: LMV & BuKo « Blog der Linksjugend [’solid] Bamberg

  6. Pingback: Buko 2012 – Linksjugend ['solid] auf neuen Wegen? | fepix

  7. Pingback: Buko 2012- “Wandlung ist notwendig wie die Erneuerung der Blätter im Frühling.” | fepix

  8. Pingback: SDS-Buko | fepix

  9. Pingback: Buko 2013 der Linksjugend ['solid] in Magdeburg | fepix

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s