Quotierung der Winterakademieplätze

Bei der Winterakademie der Linksjugend [’solid] gab es – wie erwartet – mehr Anmeldungen als Plätze. Damit der Programmrahmen funktioniert und die Workshops nicht überlaufen sind, haben wir uns entschieden, die Teilnahmezahlen nicht weiter zu erhöhen, also mussten wir irgendwie auswählen, wer einen Platz bekommt und wer nicht. Dabei haben wir neben der Reihenfolge der Anmeldungen darauf geachtet, dass die Hälfte der Plätze an Frauen gehen – was zumindest bei einzelnen zu heftiger Kritik geführt hat („Sexismus“, „Überkompensation“, „Übereifer“, Verstoß gegen die Chancengleichheit). Ich halte die Entscheidung dennoch für richtig – denn:
In unserem Verband sind weniger Frauen als Männer aktiv. Wenn wir davon ausgehen, dass Männer und Frauen sich gleichermaßen früh oder spät zur Winterakademie anmelden, hätten wir bei einer reinen Vergabe nach Eingang der Anmeldung eine Abbildung der Aktivenquote – sagen wir ein Drittel Frauen (ich würde vermuten, weniger – aber darum solls hier nicht gehen). Da die Winterakademie ein wichtiger Ort der politischen Bildung ist, auf der wir uns theoretisch und praktisch für die politische Arbeit fitmachen, würden wir damit die Verhältnisse reproduzieren, also aufs neue wieder herstellen, in denen ein Großteil der Aktiven, die z.B. bestimmte Debatten kennen gelernt oder Methoden erlernt haben, Männer sind. Das ist keine gute Voraussetzung für einen Verband, der den Anspruch hat, die Benachteiligung von Frauen in seinen eigenen Reihen möglichst auszugleichen und z.B. Gremien zur Hälfte mit Frauen zu besetzen. Wie soll das gut funktionieren, wenn wir nicht auch die Hälfte unserer „Bildungskapazität“ für Frauen bereitstellen?

Chancengleichheit ist ein tolles Wort – aber es gibt sie in einer patriarchalen Gesellschaft zwischen Männern und Frauen nicht. Mädchen werden anders sozialisiert als Jungen und lernen Rollenbilder, die ihr politisches Engagement weniger befördern, ein Redeverhalten, mit denen sie sich auch in unserem Verband weniger durchsetzen können usw. Chancengleichheit durch Gleichbehandlung einfordern wäre wie ein Wettlauf, bei dem zwwei Menschen die gleiche Strecke in der gleichen Zeit schaffen müssen, aber die eine über Hürden und Wassergräben und der andere auf geradem Apshalt.

Man muss die Maßnahmen, mit denen wir versuchen, die erneute Abbildung des Patriarchats in unseren Verbandsstrukturen zu reduzieren, nicht gutfinden – aber lasst bei der Kritik bitte die Kirche im Dorf: Sexismus beschreibt ein Herrschaftsverhältnis, das in unserer Gesellschaft massive Diskriminierung in fast allen Lebensbereichen, häusliche Gewalt und verbreitete sexualisierte Gewalt einschließt. Das ist nicht damit vergleichbar, ob wir als Männer keinen Platz bei der Winterakademie bekommen.

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8 Antworten zu Quotierung der Winterakademieplätze

  1. Christopher Epping schreibt:

    Doch ist es absolut! Ansonsten brauchen wir auch bei Wahlen keine Quote, es sei denn du gehst davon aus dass unserer Genossinnen sonst häuslicher, sexualisierter Gewal oder einer massiven Diskriminierung ausgesetzt sind. Wir haben auch zu wenig Genossinnen und Genossen die aus sozial prekären Familiensituationen wie z.B. Kinder von Sozialhilfeempfängern kommen. Diese brauchen auch eine Förderung. Dann brauchen wir eine MigrantInnenquote. Dein Argument greift nicht. Die Aktivität und der Anteil aktiver Frauen am Verband wird nicht durch Bevorzugung hergestellt sondern durch Attraktivität für Frauen. Ausserdem geht dieser Text völlig an der Fragestellung vorbei. Welche negativen Auswirkungen hätte es wenn die Quote bei den Schlafplätzen nicht eingehalten wird? Hier wird ein demokratisches Grundprinzip gebrochen, nämlich das der allgemeinen Gleichheit. Von Schutz kann hier nicht geredet werden denn wovor werden die Frauen in diesem Fall geschützt? Oder sollen 50% Frauen anwesend sein weil es um Frauenthemen geht? Gut dann müssen wir bei den Themen wie z.B. Hartz IV dahin gehen dass die Hälfte der mitdiskutierenden schonmal von ALG II gelebt haben müssen. Du plädierst dafür Genossen einen Schlafplatz zu verweigern, die sich früher angemeldet haben, weil sie als Mann auf die Welt gekommen sind und gibst diesen Frauen die es nicht für wichtig genug gehalten haben sich rechtzeitig anzumelden nur weil du gerne 50% Frauen da haben willst. Die Quote macht bei Wahlen (in vielen Fällen) Sinn um eine Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechtes zu verhindern. Hier geht es aber nicht um ein personalisiertes Auswahlverfahren bei dem Geschlechtsdiskriminierung eine Rolle spielen könnte sondern nur darum dass diejenigen GenossInnen die sich rechtzeitig anmelden das Recht haben zuerst bei den Schlafplätzen berücksichtigt zu werden. Hier eine Quotierung vorzunehmen schützt niemanden und ändert auch nichts daran dass wir zu wenige aktive Frauen im Jugendverband haben. Nun speziell Frauen mehr zu fördern als Männer heißt im Umkehrschluß dass du Genossen beim Bildungsangebot benachteiligst. Willst du sicher gehen dass alle Frauen des Jugendverbandes die Möglichkeit haben teilzunehmen hätte man sich dafür entscheiden müssen ausreichend Schlafplätze anzubieten. Die Realität ist wie sie ist, daraus ein geschlechterspezifisches Privileg abzuleiten ist für mich Sexismus. In einem Jugendverband in dem einem Geschlecht Privilegien zugesprochen werden weil es in der Gesellschaft ansonsten den schwereren Weg hat möchte ich nicht Mitglied sein.

    • bienenhueterin schreibt:

      @Christopher Epping

      Muss schon hart sein nie in Frage gestellte Privilegien zu verlieren…
      aber troeste dich, ich persoenlich finde im Anbetracht unseres eigenen Anspruchs, waere es ebenso gerechtfertigt gewesen neben den 50% weiblichen Plaetzen eine gemischte Liste aufzumachen oder um den patriachalen Zustaenden (die sich auch in unserem Verband viel zu deutlich wiedrspiegeln) real etwas entgegen zusetzen 2/3 der Plaetze an Frauen zu vergeben.

      (Wie) Veraendern wir Realitaet?
      Meines Erachtens eher, in dem wir uns z.B. auf Bildungsveranstaltungen fit fuer die alltaegliche, politische Arbeit vor Ort machen als dadurch, dass wir irgendwelche Antraege ueber Revolutionen verabschieden, fuer deren Umsetzung sich dann nachher niemand zustaendig fuehlt.

      Eher durch Sitzblockarden und Oeffentlichkeitsarbeit z.B. im Wendland als durch interne Abstimmungen auf einer LMV ueber die moralische Verwerflichkeit von castortransporten…

      Eher durch Diskussionen mit Nachbar_innen, Kolleg_innen, Freund_innen und vielen anderen Menschen als durch fuenf Aenderungsantraege zur Kommasetzung…

      Aendern wir die Realitaet in dem wir sicherstellen, dass mindestens die Haelfte der Moeglichkeiten sich neue Skills (Faehigkeiten und Wissen) fuer die politische Arbeit anzueignen an Frauen gehen?

      Ja, klar. Einfach weil die Verteilung wer neue Faehigkeiten zurueck in die Basisgruppe bringt eine andere ist. Wer neue inhaltiche Inputs liefert, spannende Idee (die z.B. durch den Austausch mit Genoss_innen aus anderen Landesverbaenden entstanden sind) fuer Veranstaltung und Aktionen vorschlaegt oder auch einfach „nur“ einen Bericht ueber die Veranstaltung zum naechsten Basisgruppetreffen beizutragen hat -vom gewachsenen Selbstvertrauen gar nicht erst zu sprechen.
      Vielleicht noch nicht ganz „globaler Ponyhof“, aber doch immerhin eine ganz nette, konkret spuerbare Veraenderung.

      Und ist es gerechtfertigt Maenner von einem ueberproportionalen Zugang zu diesen Moeglichkeiten „auszuschliessen“, weil es uns vielleicht ankotzt, wie gesellschaftsetreu sich patriachale Zustaende auch im Jugendverband wiederspiegeln?

      Klar koennen (und sollten) wir uns auch fragen, ob oder inwiefern wir die Methode geeignet finden, um mehr aktive Frauen bzw. weibliche sozialisierte Menschen in unserem Verband zu haben.

      Skills zu erlernen und sich zu„Bildungsveranstaltung auf der keine Beschlüße gefasst werden“ zu treffen ist meines Erachtens eine recht gute Vorraussetzung, um selber aktiv(er) zu werden.
      Und das es an sich schon ganz nett waere ein paar mehr aktive Frauen im Verband zu haben, bestreitest du ja auch gar nicht, oder?
      Da du >Aktivitaet< aber augenscheinlich eher ueber das bekleiden irgendeines Amtes oder das Recht ueber Antraege abzustimmen (Quoten bei Wahlen scheinst du ja nicht voellig abwegig zu finden) definierst, als darueber sich konkret Wissen und Faehigkeiten fuer die aktive politische Arbeit vor Ort anzueignen, haben wir in diesem Punkt vermutlich einfach einen grundlegenden Dissenz.

  2. Christopher Epping schreibt:

    Ich hab mich jetzt vielleicht ein bisschen unglücklich ausgedrückt aber ich habe auch keine Lust das ganze hier im Internet zu klären über Texte die ich erst fein säuberlich ausarbeite. Die Frage ist: Werden Frauen benachteiligt dadurch dass sie sich genauso früh anmelden müssen wie Männer? Hat es emanzipatorisch negative Auswirkungen wenn die Teilnehmerzahl und Struktur bei einer Bildungsveranstaltung auf der keine Beschlüße gefasst werden sondern die sich an alle Genossinnen und Genossen richtet der Realität des Jugendverbandes entspricht? Ich denke nicht. Hat es positive Auswirkungen auf unsere emanzipatorische Politik oder unsere Mitgliederstruktur wenn genauso viele Frauen wie Männer anwesend sind? Ich glaube nicht solange es nicht auch der Realität des JV entspricht. Ändert man die Realität des JV indem man hier Genossen die sich eher angemeldet haben und damit das Recht haben an der Veranstaltung teilzunehmen weil sie offensichtlich größeres Interesse an der Veranstaltung hatten als andere von der Veranstaltung de facto ausgrenzt nur weil man gerne eine andere Realität hätte? Was bringt es bei einer Bildungsveranstaltung an Mehrwert wenn 50% der Anwesenden Frauen sind? Wir sollten allen Genossinnen und Genossen Bildung ermöglichen unabhängig von Geschlecht. Hier Frauen zu bevorzugen die sich in „letzter Minute“ entschieden haben nur weil es Frauen sind und dafür Männer auszuladen die ein größeres Interesse haben und dies durch eine frühere Anmeldung belegen bringt niemanden etwas! Ich will eine Bildungsveranstaltung in der die Leute aktiv mitmachen wollen und keine bei der Hauptsache der Frauenanteil stimmt. Mir ist es egal welches Geschlecht ein Mensch hat sondern welche Überzeugungen er hat. Es ist ein Misstrauensvotum des BSPR an die eigenen Genossinnen und Genossen wenn du so argumentierst dass wir im Jugendverband sonst in Sexismus ausbrechen würden.

  3. Christopher Epping schreibt:

    Ich schlage vor dies zu Beginn der WAK in einem Plenum zu diskutieren!

  4. fepix schreibt:

    Welche negativen Auswirkungen hätte es wenn die Quote bei den Schlafplätzen nicht eingehalten wird?

    Es geht ja nicht primär um Schlafplätze, sondern die Teilnahme an einem Bildungsangebot für Verbandsaktive – und wenn mehr Männer als Frauen diese besonderen Angebote der politischen Bildung wahrnehmen können, stellen wir damit erneut einen Zustand her, in dem mehr Männer sich bundesweit vernetzen und einbringen können und neue politische Fähigkeiten lernen – das hatte ich oben zu sagen versucht.

    Hat es positive Auswirkungen auf unsere emanzipatorische Politik oder unsere Mitgliederstruktur wenn genauso viele Frauen wie Männer anwesend sind?

    Ich glaube tatsächlich, dass eine Repäsentation von 50 % Frauen in unseren Verbandsaktivitäten (und Gremien) ein Beitrag dazu sein kann, die Verhältnisse zu durchbrechen, in denen Frauen eher nicht zugetraut wird, politisch aktiv zu sein bzw. dabei zentrale Verantwortung zu übernehmen. Das ist ja auch einer der Gründe, warum wir unsere Gremien quotieren.
    Wir können das hier sicher nicht erschöpfend diskutieren, nur noch eins: Es gibt sicherlich noch andere Herrschaftsverhältnisse in unserer Gesellschaft, die politische Beteiligung auch in einem linken Jugendverband schwierig machen – aber ich sehen keinen Sinn darin, die gegeneinander auszuspielen.

  5. Hola meine lieben Genossen,
    Also ich finde es bedenklich, dass es meistens Männer sind, die sich in der Linksjugend FÜR die Frauenquote aussprechen und das Frauen sich dahingehend eher negativ äussern. O-Ton Hilke bei der LVV Baden Württemberg „Ich will gewählt werden, weil Leute mir die Aufgabe zutrauen, nicht, weil ich eine Frau bin.“ (https://fepix.wordpress.com/2012/01/15/lvv-der-linksjugend-solid-baden-wurttemberg/).
    Klar stellt sich hier die Problematik, dass Frauen vielleicht anders „erzogen“ wurden als Männer und es deswegen schwer haben. Aber ich finde es nicht gut, dass man das weibliche Geschlecht nicht mehr fordert, weil man es „fördern“ will. 🙂 Unverdiente Lorbeeren und Vorzugsbehandlungen sind einfach nicht gewünscht. Das ist zumindestens das Bild, dass ich als Frau von dieser ganzen Sache habe. 🙂

    Vielleicht könnte man das einfach so regeln, dass man sagt am Tag XY ist eine Anmeldefrist.
    Wenn von allen Anmeldungen 30 % von Frauen sind, dann gibt man 30% der Plätze an Frauen. Fertig. Die oft herbeigewünschte Gleichberechtigung wäre so viel realistischer, als die permanente Vorzugsbehandlung. 🙂

    in diesem Sinne
    lieben Gruß
    Mia 🙂

    (ich entschuldige mich für etwaige Rechtschreib- und Grammatikfehler, ich hab noch nicht geschlafen 🙂

  6. fepix schreibt:

    Ich weiß nicht, ob es meistens Männer sind, die sich im Verband für die Frauenquote einsetzen. Aber auf jeden Fall hat es eine Verschiebung gegeben – es war mal so, dass die stärkere Berücksichtigung und Repräsentation von Frauen vor allem von Genossinnen eingefordert wurde. Dadurch hat sich die politische Praxis in einigen Punkten verändert (die formale Quote gibt es allerdings schon immer, so lange ich im Verband bin) und diese Veränderungen werden inzwischen auch oft von Männern verteidigt. Das finde ich durchaus richtig: Die Benachteiligung und Ausgrenzung von Frauen in der politischen Arbeit ist schließlich kein Frauenproblem, sondern geht uns alle an. Gleichzeitig ist es für mich sicher leichter, solche Mechanismen einzufordern und zu verteidigen, weil ich selbst nicht direkt von ihnen profitiere (und so niemand denken oder behaupten wird, ich wolle mir so z.B. nen Platz auf der Winterakademie oder im BSPR sichern).
    Ich bin nicht bereit, mich mit einem Frauenanteil von 30 % im Verband abzufinden, uns deswegen will ich ihn auch nicht zum Maßstab von Quoten machen.

  7. fepix schreibt:

    was die ‚permanente Vorzugsbehandlung‘ angeht mach dir keine Sorgen 😉 – ich bin mir sicher, dass Frauen innerhalb wie außerhalb des Jugendverbandes mehr als genug Benachteiligungen erfahren, um das mehr als auszugleichen…

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