Schramm for President und die Linksjugend [’solid]

Die Linksjugend [’solid] in den letzten Wochen eine außergewöhnliche bundesweite Pressearbeit bekommen – für eine Verbandsposition, die gar keine war: Der Vorschlag, DIE LINKE solle Georg Schramm als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominieren. Der hatte bei seinem Abschied aus der Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ vor gut anderthalb Jahren erklärt, er wolle als Bundespräsident kandidieren (hier bei youtube). Das fanden viele eine großartige Idee – ein scharfzüngiger Kritiker der Regierung wie der herrschenden Verhältnisse, der deutschen Kriegseinsätze und vielem mehr, das es an dieser Gesellschaft auszusetzen gäbe wäre zumindest ein Kandidat, der die Existenz einer Opposition zeigt, die keinen Konsens mit rotgrünschwarzgelbGauck findet.

Da außerdem zur Aufstellung eines Kabarettisten als Bundespräsident – zumal mit der Bewerbungsrede – zugegebenermaßen eine Prise mangelnden Respekts vor den Gebräuchen des etablierten Politikbetriebs gehört, wurde diese Rolle nicht von wenigen SympathisantInnen Schramms gleich den Piraten zugedacht (z.b. von fefe, noch kurz vor Wulffs Rücktritt). Da ich mir so eine Art von Respektlosigkeit auch von der Linkspartei öfter wünsche, hätte ich sie genauso als mögliche vorschlagende gesehen – hab das aber nur mal so bei facebook gepostet. Andere haben mit der gleichen Idee ernstgemacht: Für den „Landesarbeitskreis für außergewöhnliche Maßnahmen“ des Landesverbandes Hamburg, der meines Wissens erst zu diesem Zweck ‚gegründet‘ wurde, richtete Jan Vahlenkamp eine Petition für die Nominierung Schramms durch DIE LINKE ein.

Innerhalb von drei Tagen gab es über tausend Unterschriften – und einen Haufen Presseerwähnungen. Nur als Beispiele: „Lafontaine nannte den von der Partei-Jugend ins Gespräch gebrachten Kabarettisten Georg Schramm einen interessanten Vorschlag.“ (Welt), „Die Linksjugend Solid unterstützt die Idee der Piraten, die in der Bundesversammlung gerade mal zwei Wahlleute haben, den Kabarettisten Georg Schramm zu nominieren“ (Tagesspiegel) …

Einige JournalistInnen haben auch mal bei uns nachgefragt, was wir dazu zu sagen hätten – die Antwort, dass es dazu keine Verbandsposition gab, war aber dann doch zu langweilig. Es blieb also meistens bei der Formulierung ‚Jugendverband fordert Nominierung Schramms‘ manchmal noch mit dem Verweis, dass die Petition aus Hamburg kam. Wir sahen nun auch keinen Anlass, uns davon energisch zu distanzieren – aber als Medienstudie war das schon spannend, wie schnell eine Initiative einzelner zur ‚Verbandsposition‘ werden kann:

In der ursprünglichen Pressemitteilung ist auch recht deutlich, von wem die Initiative ausgeht, aber das nachzulesen war nicht nur den Konzernmedien zu anstrengend: Auch bei fefe war der Jugendverband für Schramm und bei Lafontaines Linke, deren SchreiberInnen man ja etwas nähere Kenntnisse des politischen Umfelds und der Strukturen der LINKEN unterstellen würde, blieb die falsche Zuordnung gleich in zwei Artikeln stehen.

Und das, wie Jan in seiner Auswertung der Aktion betont, ganz ohne den Versuch der InitiatorInnen, so einen Eindruck zu erwecken. Neben einem kleinen Exkurs über die Funktionsweise von Mediendiskursen bleibt mir jetzt nur, dem Initiator zu einen gelungenen Coup zu gratulieren – damit die dem Bundesverband unverdienterweise zugefallene Aumerksamkeit zumindest formal noch richtig zugestellt wird ;-). Glückwunsch, Jan. Du hast das Schlusswort:

Tja, es wäre wohl zu schön gewesen. Er hätte wohl nicht für möglich gehalten, dass sein ironisch gemeinter Wahlaufruf eine solche Resonanz nach sich ziehen könnte. Man stelle sich vor, was mit Vor- und Direktwahlen wohl alles möglich wäre… Etwas mehr „Liquid Democracy“ würde dieser Gesellschaft wohl ganz gut tun. Mir hat das Ganze jedenfalls verdeutlicht, wie leicht es ist, mit ein paar Griffen in die Tastatur eine bundesweite Debatte anzustoßen.

Foto: Hossa – wikipedia.de

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