In Gedenken an einen, der fehlt

Ich bin Sascha das erste mal bei der Bundesdelegiertenkonferenz 2003 begegnet – er wurde damals das erste mal in den BSPR gewählt, aber ich erinnere mich vor allem an die Dinge, die er am Rande der BDK organisiert hat: Eine Vorführung von Ken Loachs Film „Land and Freedom“ über den spanischen Bürgerkrieg, ein Auftritt von Andreas Marx und der Bericht des BAK Internationales über die Teilnahme am europäischen Sozialforum in Florenz.

Unser wahrscheinlich erstes Gespräch begann mit meiner Frage, ob der Film denn historisch halbwegs wahrheitsgetreu wäre – von Saschas Antwort kann ich mich noch daran erinnern, dass die POUM-Brigaden militärisch annähernd bedeutungslos und somit im Film massiv überrepräsentiert waren. Land and Freedom hat mich jedenfalls zutiefst beeindruckt und wurde später zu meinem Standardvorschlag für Filme, die man sich mal mit der Basisgruppe oder bei Verbandsevents anschauen sollte.

Sascha habe ich dann über den BAK Internationales besser kennen gelernt – ich habe ein, zwei Texte aus der internationalen Arbeit übersetzt und bin dann im Juni mit solid zum G8-Gipfel nach Evian gefahren. Wir haben zusammen am Alternativgipfel und der Großdemo teilgenommen – der aktivistische Flügel, der sich unter Tränengasbeschuss an den Straßenblockaden beteiligte, war damals noch nicht meine Sache und Sascha fand die sichtbare Teilnahme an der Großdemo strategisch wichtiger. An einem Tag sind wir auf dem Rückweg von Genf ins Camp noch zum Alternativgipfel in Annemasse gegangen, um an einer Veranstaltung mit Jose Bove teilzunehmen. Nachdem ich eine Frage zur Gentechnikpolitik der EU gestellt habe, haben wir uns noch auf einem Fanfoto mit dem damaligen Star der globalisierungskritischen Bewegung in Frankreich und darüber hinaus verewigt.

Im Herbst wollten wir die Teilnahme von [’solid] am europäischen Sozialforum in Paris organisieren – letztlich ist die Arbeit vor allem an Sascha hängen geblieben, ich war noch in einem Ägyptenprojekt meiner Schule eingebunden und wusste auch nicht so richtig, was wie zu tun gewesen wäre. Vor Ort hat er noch für unsere Delegation ein Gespräch mit einem Europaabgeordneten der PDS organisiert, aber vor allem hatte er die Kleinbusse und die Anmeldungen gemanagt.

Damit hat Sascha mir so langsam mehr Aufgaben aus der internationalen Arbeit von solid übergeben – ich glaube im Dezember hatten wir ein Miniatur-BAK-Treffen mit nur drei Leuten in Berlin, bei dem ich den Posten als Sprecher übernommen habe (der vorher noch Kommissar für Internationales hieß, aber das war nach Sascha niemand mehr). Das war wohl das erst mal, dass ich in seiner Wohnung bei der Warschauer Straße übernachtet habe, die in den nächsten anderthalb Jahren so etwas wie mein zweites zuhause in Berlin wurde.

Zum Beginn des folgenden Jahres haben wir dann die erste unserer gemeinsam geführten Schlachten um die Rolle des Jugendverbandes für die Partei geführt, nämlich um die Besetzung der ErsatzkandidatInnenplätze für die Europawahlen 2004. Den Plan dazu haben wir an einem Wochenende in Berlin geschmiedet – es muss am Rande meiner ersten LL-Demo gewesen sein. Als ich in der Nacht zu Montag nach Hause gekommen bin, habe ich um halb eins begonnen, meine Kandidatur zu schreiben und bin kurz vor vier damit fertig geworden. Am nächsten Morgen musste ich um viertel vor Acht zur Schule – ja, Saschas Begeisterung für europäische Politik war ansteckend.

Für den Europawahlkampf selbst haben wir dann eine Tour über ganz viele Orte und Basisgruppen geplant – mit Infoständen und inhaltlichen Veranstaltungen. Einen Großteil der Tour lag ich leider mit Fieber im Bett, doch für die letzten Tage konnte ich noch dazustoßen – ein Infostand mit Beschallung in Heidelberg, am Abend sind wir noch auf vermutlich maximal halb legalen Wegen an der Burgruine rumgeklettert.

Im Frühjahr 2004 wurde ich auch zum ersten Mal in den BSPR gewählt – Gregor aus Freiburg hatte gesagt, dass er mich gerne vorschlagen würde – von Sascha erinnere ich mich an den Kommentar „du machst die Arbeit doch eh, dann nimm auch den Titel dazu“. So wurde ich dann zum noch regelmäßigeren Gast in Berlin – der Sascha auch immer getrietzt hat, nicht allzu spät zur BSPR-Sitzung loszugehen…

Im Herbst waren wir wieder gemeinsam bei einem europäischen Sozialforum – diesmal mit einem ganzen Reisebus voller GenossInnen, für die wir über unsere internationalen Kontakte Schlafplätze in einem kurdischen Vereinsheim organisieren konnten. Sascha hat uns damals zum Grab von Karl Marx geführt, wenn ich mich richtig erinnere – wo wir den Friedhof in Zweiergruppen betreten mussten, weil der Gruppenpreis teurer gewesen wäre als die Einzeltickets und der Parkwächter sich nicht von der Absurdität dieser Regel überzeugen ließ.

Saschas Hinweis verdanke ich ein noch beeindruckenderes Friedhofserlebnis, nämlich meinen ersten Besuch beim Cimetiere Pere Lachaise in Paris. In der Nähe der Mur des Federes, wo einst die letzten KämpferInnen der Pariser Kommune erschossen wurden, stehen zahlreiche Denkmäler für im zweiten Weltlkrieg in KZs deportierte. In diesem Teil des Friedhofs sind auch viele KommunistInnen und GewerkschafterInnen begraben, deren Grabsteine an ihre Kämpfe erinnern.

Nach dem europäischen Sozialforum in London war ich besonders viel in Berlin – während meiner Herbstferien habe ich in der Bundesgeschäftsstelle gearbeitet und in den darum liegenden Wochenenden gab es zahlreiche Treffen. Sascha war der erste im Verband, der mitbekam, was sich zwischen mir und einer damaligen Bremer Genossin anbahnte – und sich auch von meinem durchsichtigen Ablenkungsversuch, wir würden nur politische Initiativen abklüngeln, nicht beirren ließ…

Auch, als er später für den Jugendverband im Parteivorstand saß, hatten wir immer wieder miteinander zu tun – nicht zuletzt, weil Sascha zu fast allen wichtigen Bewegungsmobilisierungen vom G8-Gipfel in Heiligendamm bis zum Nato-Gipfel in Strasbourg 2009 seinen Teil beigetragen hat.

Vor einem Jahr ist Sascha in der Nähe von Freiburg durch ein Unglück ums Leben gekommen. Bei der Trauerfeier in Berlin gestern sagte Rouzbeh: „Er hat sein Leben, auch wenn es viel zu kurz war, nach seinen Überzeugungen gelebt. Und was könnte man besseres über ein Leben sagen?“

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Eine Antwort zu In Gedenken an einen, der fehlt

  1. Bewegender Nachruf…

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