Das rote Wien

Vor gut einem Jahr habe ich einen Roman gelesen, dessen Protagonistinnen sich in den dreißiger Jahren in verschiedenen Ländern Europas am Kampf vor allem der ArbeiterInnenbewegung gegen den erstarkenden Faschismus beteiligen – so habe ich zum ersten mal von den Februarkämpfen in Wien 1934 gehört, die ausbrachen, als die österreichischen Faschisten den sozialdemokratischen Schutzbund entwaffnen wollten. Durch diese europaweit beachteten Ereignisse ist auch das über zehn Jahre ältere Lied „Wir sind die Arbeiter von Wien“ so bekannt geworden – noch ein Grund, warum ich am Rande meiner diesjährigen Arbeitsreise nach Wien zur Konferenz der European Gesociences Union mehr über diesen Aufstand und seine Vorgeschichte erfahren wollte.

Die wesentlichen Fakten und Ereignisse lassen sich natürlich schnell im Internet recherchieren (Wikipedia): Die Austrofaschisten (die im Widerspruch zur von ihnen verbotenen NSDAP standen) hatten in einem Staatsstreich die Macht erobert und wollten diese nun mit dem Verbot der sozialdemokratischen Organisationen ausbauen. Die Österreichische Sozialdemokratie betrieb mit einer als Austromarxismus bezeichneten Theorie eine gerade in Wien extrem erfolgreiche reformistische Politik und war damit Vorbild vieler europäischer Sozialdemokratien. Wie auch die SPD hatte die Mehrheit der SPÖ im Ersten Weltkrieg Patriotismus vor Internationalismus gesetzt, konnte aber nach dem Krieg den größten Teil der ArbeiterInnenbewegung weiter auf sich vereinen und war um ein vielfaches stärker als die KPÖ. In Wien stellte sie in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg die Stadtregierung, die durch progressive Bildungsreformen und Sozialprogramme auf sich aufmerksam machte, aber vielleicht vor allem mit einem massiven Wohnungsbauprogramm Geschichte schrieb.

Finanziert durch eine kommunale Wohnungsbausteuer entstanden zahlreiche geradezu prachtvolle städtische Wohnblocks- und Siedlungen, darunter das längste zusammenhängende Wohnhaus der Welt, der Karl-Marx-Hof im Norden der Stadt. In diesem fanden am 12. Februar 1934 massive Kämpfe statt, als die lokalen Mitglieder des Schutzbundes das Arbeiterheim gegen die Polizei verteidigten. Heute befindet sich im Gebäudeblock außer Wohnungen in einem ehemaligen Waschsalon auch eine Ausstellung über das Rote Wien, also die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und der sozialdemokratischen Stadtregierung in den zwanziger Jahren. Die Ausstattung der ArbeiterInnenwohnungen mit Waschsalons und Bädern war nicht nur ein riesiger Sprung in Komfort und Hygiene, sondern bedeutete nicht zuletzt eine massive Entlastung der Frauen von der (nicht ganz geschlechtergerecht verteilten) Arbeit des manuellen Wäschewaschens.

So hatten die österreichischen SozialdemokratInnen Anfang der 1930er Jahre nicht nur ihre Organisation, sondern auch konkrete soziale Errungenschaften zu verteidigen. Dennoch stellte sich der bewaffnete Widerstand schnell als aussichtslos heraus – nicht zuletzt, weil der Aufruf zum Generalstreik nicht breit befolgt wurde. An einigen Orten weigerten sich auch die lokalen Leiter der Schutzbünde, die Waffen zu verteilen und manche lokale Parteifunktionäre distanzierten sich vom Aufstand. In wenigen Tagen konnten Polizei, Armee und rechte Milizen (vergleichbar mit den Freikorps in Deutschland) das ganze Land unter ihre Kontrolle bringen – auch den Karl-Marx-Hof in Wien.

Mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland und dem Einmarsch der Wehrmacht ging dann die Macht von den Austrofaschisten an die Nationalsozialisten über. Auch aus dem Karl-Marx-Hof wurden jüdische BewohnerInnen in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet – an ihr Schicksal erinnert heute eine Gedenktafel über dem Gebäude.

Weit über diesen minimalen Anriss der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung in Österreich fand ich den Besuch der Ausstellung unheimlich bewegend – nicht erst im Dachgeschoss, wo zu den Klängen der Internationalen und von „wir sind die Arbeiter von Wien“ Filmaufnahmen von Maidemonstrationen zu Beginn des Jahrhunderts laufen.

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