Der altgermanische Plunder

Jenseits der analytisch-politischen Dimensionen der Nationalismus- und Patriotismusdebatten unserer Tage musste ich heute Abend mal wieder feststellen, dass ich mich mit allgegenwärtigen Deutschlandfahnen einfach unwohl fühle – womit ich ja glücklicherweise nicht in der schlechtesten Gesellschaft bin:

Doch als die schwarz-rot-goldne Fahn,
Der altgermanische Plunder,
Aufs neu erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Märchenwunder.

Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.

Doch nicht alle Linken folgen Heinrich Heine – und so wird auch dieses Jahr mal wieder fleißig diskutiert, ob oder wie denn dem Fußball-Patriotismus doch etwas gutes abzugewinnen sei. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es immerhin das Upgrade, das Fahnenentfernen mit einem inhaltlichen Statement zu verbinden, damit der oder die getroffene Fußballpatriotin zumindest weiß, was wir gegen den altgermanischen Plunder einzuwenden haben.

Dass die Bild-Zeitung die Antwort auf ihre Frage („Warum wollt ihr uns die EM vermiesen?“) weder lesen noch verstehen oder gar ihren LeserInnen mitteilen mag, wundert jetzt nicht so richtig. Doch nicht nur die üblichen Verdächtigen aus der linksradikalen Szene haben keinen Bock auf Deutschlandtaumel: Auch die Süddeutsche hat mal festgestellt, dass die saubere Trennung zwischen gutem Patriotismus und bösem Nationalismus ein Hirngespinst ist und die Grüne Jugend hat es gewagt einen „Patriotismus nein Danke“ Aufkleber in Umlauf zu bringen – und hier noch mal schön zusammengefasst, warum sie das getan haben und welchen Shitstorm das zur Folge hatte.

Der hessische Landesverband der Grünen Jugend hat sich dann auch schon mal von seinem Bundesverband distanziert und in einem offenen Brief kritisiert, der Bundesvorstand würde „Fan-Bashing-Forderungen linksextrimistischer [sic] Gruppierungen“ nachlaufen. Die Linksjugend [’solid] Hessen hat dazu eine lesenswerte Stellungnahme verfasst – aus der hat der Hessische Rundfunk dann gleich einen „Neonazi-Vorwurf“ in Richtung Grüner Jugend gemacht – aber im Artikel dann doch die tatsächliche Kritik zu Wort kommen lassen.

Nach Heine zur Patriotismusdebatte jetzt noch zum Fiskalpakt und dem Spardiktat in Griechenland:

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

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