Rosa Luxemburg: Vermächtnis, Gedenken und Debatten

rosalux Am kommenden Wochenende werden zahlreiche Linke in Berlin an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gedenken. Wie und mit wem das zu tun ist und worin im besonderen das inhaltliche Vermächtnis von Rosa Luxemburg für die heutige Linke besteht, darum gibt es heftige Kontroversen, die unter anderem dazu führen, dass es neben der traditionellen „Liebknecht-Luxemburg-Demo“ (Aufruf) eine Demonstration des Bündnisses „Rosa und Karl – Gedenken in der Krise“ (Aufruf) gibt. Dass es solche Kontroversen gibt, hätte Rosa Luxemburg selbst wohlmöglich gar nicht schlimm gefunden, schrieb sie doch einst:

Aber wenn die Ehrung des Andenkens der Gehenkten zu einem gedan­ken­lo­sen und lau­ten Sport wird, wenn sie zur gewöhn­li­chen Reklame ernied­rigt wird, zum Aushängeschild einer poli­ti­schen Gruppe, mehr noch, wenn zu die­sem nied­ri­gen Zweck die eige­nen Ideen und Taten der “Proletarier”, für die sie in den Tod gegan­gen sind, vor den Augen des Volkes miß­braucht und miß­deu­tet wer­den, dann ist es ein­fach die Pflicht derer, die dem Geiste ihrer Grundsätze nach die direk­ten Erben der revo­lu­tio­nä­ren Tradition des “Proletariat” sind, laut zu pro­tes­tie­ren. Wir sind keine Freunde jener regel­mä­ßi­gen all­jähr­li­chen Feierlichkeiten zum Andenken revo­lu­tio­nä­rer Traditionen, die schon durch ihre mecha­ni­sche Regelmäßigkeit all­täg­lich wer­den und, wie alles, was tra­di­tio­nell ist – ziem­lich banal.”

(Rosa Luxemburg, Der Partei »Proletariat« zum Gedächtnis)

Jede und jeder soll ihr eigenes Urteil fällen, wer nun „die direkten Erben der revolutionären Tradition“ von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht seien – mir scheint, dass im Zusammenhang mit dem Gedenken in diesem Jahr wichtige inhaltliche Fragen aufgeworfen werden, die zu diskutieren sich lohnen würde, wenn man sie denn inhaltlich und nicht mit Identitätsreflexen angeht. Da ist zum einen der Umgang mit der Geschichte der Linken. Zugespitzt wird diese Debatte vor allem an den Stalin- und Mao-Porträts, die Jahr für Jahr auf der traditionellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration gezeigt werden.

Dagegen gab es im letzten Jahr eine Protestaktion am Rande des Demonstrationszugs, bei der ein Plakat mit den Köpfen Maos, Stalins und Lenins und der Unterschrift „Nein, nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!“. Während ich Rosa Luxemburgs Kritik sowohl am leninistischen Organisationsmodell wie auch die (wesentlich bekanntere) am Agieren der Bolschewiki während der russischen Revolution für richtig halte, würde ich Lenin nicht so in eine Reihe mit Stalin stellen – immerhin stand Lenin an der Spitze einer Partei, in der kontroverse Debatten noch möglich waren. Trotzdem finde ich es völlig inakzeptabel, dass diese Transparentaktion aus der Demonstration heraus mit körperlicher Gewalt beantwortet und den UrheberInnen ihr Transparent entrissen wurde. Während die Kommunistische Plattform in der LINKEN später von „einer Provokation von sich links verortenden Antikommunisten“ sprach, auf die DemonstrantInnen leider eingegangen seien, gab es meines Wissens keine Stellungnahme des Demobündnisses zu diesem Vorfall.

In diesem Jahr haben Ellen Brombacher und Klaus Meinel für das LL-Bündnis im jW-Interview zumindest deutlich gemacht, dass das Bündnis durhaus eine Position zur Stalinverehrung hat: „Was viele junge Genossinnen und Genossen wahrscheinlich nicht wissen, ist, daß unser Bündnis diese Stalinverehrung auch nicht will. Wir haben uns hierzu immer wieder eindeutig geäußert“. Das finde ich gut – ich gehöre nämlich zu den jungen GenossInnen, denen diese füheren Äußerungen tatsächlich unbekannt waren.

Gleichzeitig gibt es nicht nur in Pöbeleien auf Facebook, sondern auch in Stellungnahmen linker Organisationen immer noch positive Bezüge auf Stalin:

Stalin, Mao und Ho-Chi-Minh standen für eben diese Art von Sozialismus, haben ihn praktiziert und weiterentwickelt. Unter ihrer Führung wurden dem Imperialismus einige seiner größten Niederlagen beigebracht. Wir können von uns sagen, dass wir eine sehr differenzierte Meinung von ihnen haben, auch Kritik üben. Wer sich jedoch wie ihr in dieser Art und Weise gegen sie richtet, sie nicht einmal mehr als Linke zählt, dem muss bewusst sein, dass er damit ebenso Liebknecht und Luxemburg angreift.

Die Diskussion um die linke Auseinandersetzung mit dem Stalinismus ist also keineswegs abgeschlossen – und ich fände es gut, wenn die eindeutige Position des LL-Bündnisses in Zukunft auch im Demo-Aufruf auftaucht, um den StalinfreundInnen deutlich zu zeigen, dass die Bilder ihres Idols auf dieser Demo falsch sind.

Eine andere Frage zum Umgang mit Geschichte wirft das Rosa&Karl-Bündnis auf – kann man mit den Jusos, als Jugendorganisation der SPD gewissermaßen die Erben der politischen Kraft, in deren Auftrag Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht einst ermordet wurden, an die Toten gedenken? Die Berliner Jusos haben sich damit auseinandergesetzt und eine wie ich finde respektable Erklärung verfasst, in der es u.a. heißt:

Die Schuld der (Mehrheits-)Sozialdemokratie ist unbestritten und gehört zu den vielen historischen Fehlern, die mit dieser Partei zweifelsohne verbunden sind. Die SPD stimmte für Kriegskredite und half bei der Niederschlagung der sozialistischen Revolution. Sie vollzog zu Beginn der Weimarer Republik endgültig die bedingungslose Versöhnung mit Staat und Kapital.

Viel mehr kann man in der Frage von Jusos nicht verlangen – und grundsätzlich finde ich Bündnisse mit SozialdemokratInnen nicht falsch, so lange die Inhalte stimmen (was wiederum eine andere Frage als die nach Regierungskoalitionen ist – die lasse ich heute mal außen vor).

Auch jenseits des Umgangs mit linker Geschichte gibt es Kontroversen um die Aufrufe beider Demonstrationen – dem Rosa&Karl-Bündnis wird vor allem das Fehlen antimilitaristischer Inhalte vorgeworfen. Mir wäre da ja wichtig zu wissen, ob eine Positionierung dazu inhaltlich nicht möglich war (weil etwa Teile des Bündnisses NATO-Kriege wie in Libyen gutheißen würden) oder ob das Thema nur ausgelassen wurde – was ich auch falsch, aber weit weniger problematisch fände. Update: Inzwischen habe ich erfahren, dass letzteres der Fall war, also sich niemand darum gekümmert hat, den Punkt in die Aufruferstellung einzubringen.

Update: Einige antikapitalistische Gruppen in und um Berlin haben LL- sowie R&K-Bündnis zu einer Diskussionsveranstaltung am 10.01. in Neukölln eingeladen. In dem Zusammenhang bemerkt der RSB zu den Aufrufen:

Die eine Demonstration findet – wie jedes Jahr seit 1990 – vom Frankfurter Tor zum Friedhof der Sozialisten nach Friedrichsfelde statt. Obwohl sich dieses Demo-Bündnis selbst als das linkere der beiden Vorbereitungs-Bündnis versteht, beschränkt sich dessen Aufruf auf die Kritik an allerlei Symptomen – von Krieg bis Sozialabbau – der herrschenden Gesellschaftsordnung.

Das andere Bündnis – das vom Olof-Palme-Platz in Charlottenburg aus unter anderem an jenem Ort im Tiergarten entlang, an dem Karl Liebknecht ermordet wurde, demonstriert – postuliert mit Rosa Luxemburg, „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“, und wendet sich gegen die Illusion, „mit der richtigen Wirtschaftspolitik und den richtigen Regulierungen bzw. der richtigen Einstellung“ ließen sich Krisen und andere Unangenehmlichkeiten der kapitalistischen Produktionsweise vermeiden.

Ironischerweise – wie wir finden – wird es aber vor allem von Gruppen aus dem organisatorischen Umfeld von Linkspartei und SPD gebildet, die doch einiges zur Verbreitung dieser Illusion beitragen.

Es gibt also eine Menge zu diskutieren – und entsprechend auch eine Menge Diskussionsbeiträge sehr unterschiedlicher Qualität, die ich hier mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit sammele:

Von den Bündnissen:

Aufruf zur Liebknecht-Luxemburg-Demo
Aufruf des Rosa&Karl-Bündnisses
Erklärung des LL-Bündnisses vom 12.12.
FAQ des Rosa&Karl-Bündnisses

Mobivideo des Rosa&Karl-Bündnisses

Aus der Presse:

jungeWelt-Interview mit Ellen Brombacher und Klaus Meinel (LL)
Wo würde Rosa hingehen? Wladek Flakin in der jW
Replik zum Artikel (auf dem Blog der Gruppe [‚cosmonautilus])
jW-interview mit Jules El-Khatib (Linksjugend [’solid] NRW)

Bruch mit den Stalinos (Neues Deutschland)
Zoff um Rosa und Karl (Telepolis)
Der Bruch muss krachend sein – Thomas Popp (aktiv im R&K-Bündnis) in der jungle world
Aus linken Organisationen:

„Offener Brief“ und Stellungnahme des Hamburger LSPR der Linksjugend [’solid]

Erwiderung der Linksjugend [’solid] Friedrichshain und Lichtenberg auf den „Offenen Brief“ aus Hamburg
Statement von Kai Padberg ([’solid]-BundessprecherInnenrat) zum LL-Wochenende

Stellungnahme des LSPR BaWü
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – In Zukunft: Gemeinsam gedenken! (BSPR der Linksjugend [’solid])

Erklärung von [’solid] Karlsruhe
[’solid] Brandenburg zur LL-Demo 2012

RSB Potsdam: Mit Stalin und Noske an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (ge)denken?

Basisgruppe Antifaschismus (Bremen): Im Schatten von Rosa und Karl

‚Offener Brief‘ des REBELL (Jugendorganisation der MLPD) an die Organisationen im R&K-Bündnis

Foto: Deutsches Bundesarchiv (via Wikipedia)

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4 Antworten zu Rosa Luxemburg: Vermächtnis, Gedenken und Debatten

  1. Kai schreibt:

    Es gibt auch noch einen Aufruf zu einem Jugendblock auf LL-Demo von SDAJ, DIDF und LJ [’solid]! Allerdings verhält dieser sich nicht zu der Debatte.

  2. Pingback: Buko 2013 der Linksjugend ['solid] in Magdeburg | fepix

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