Eine mühsame, lohnende Erfahrung – Haustürgespräche mit der LINKEN Bremen

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Heute haben wir uns mit acht Genoss*innen aus Bremen (einer fehlt auf dem Bild) und Unterstützung aus der Bundesgeschäftsstelle daran ausprobiert, das umzusetzen, was Katja Kipping und Bernd Riexinger im April als „Offensive des Zuhörens und Organisierens in sozialen Brennpunkten“ ausgerufen haben. Dazu gehört unter anderem die Initiative, bundesweit in Haustürgesprächen auf Menschen in unseren Hochburgen und ehemaligen Hochburgen zuzugehen und zu erfragen, welche Themen sie bewegen und welche Forderungen ihnen besonders wichtig sind. 

In diesem Rahmen hatten wir uns vorgenommen, im Ohlenhof in Bremen-Gröpelingen auszuprobieren, ob die Methode der Haustürbesuche für die Arbeit in unseren Hochburgen taugt – und wenn ja, was. Wer es nicht kennt: Der Stadtteil Ohlenhof hat rund 10.000 Einwohner*innen, etwa die Hälfte der Kinder lebt unter der Armutsgrenze, ein Drittel der Einwohner*innen ist erwerbslos und die Hälfte hat einen Migrationshintergrund. Bei der Bundestagswahl 2009 hatten wir hier mit über 20 Prozent eins unserer besten Ergebnisse – bei mit 56% einer der niedrigsten Wahlbeteiligungen Bremenweit. Durch regelmäßige Infostände und Verteilaktionen unseres Ortsverbands Gröpelingen, ein Bürgerbüro der Bürgerschaftsfraktion und kürzlich gelaufene Auseinandersetzungen um die Schließung eines Streichelzoos und anderer Sozialprojekte sind wir hier überdurchschnittlich präsent, hofften also auf eine relativ günstige Ausgangslage für die Aktion.

Nach einem Nachmittag Gesprächstraining machte sich dann heute eine Gruppe von Aktiven auf den Weg in die Praxis. Gut anderthalb Stunden am Vormittag – und mit einer reduzierten Gruppe noch einmal am Nachmittag – ging es bei winterlichen Temperaturen von Haustür zu Haustür nach Gröpelingen. Bei meiner ersten Klingel war ich ziemlich nervös – aber niemand öffnete, ich hinterließ nur einen Flyer im Briefkasten. Zweite Klingel, selbes Ergebnis. Als dann endlich jemand öffnete, scheiterten die ersten beiden Gespräche daran, dass ich weder polnisch noch arabisch kann, und mein Gegenüber kein oder nach eigenem Empfinden nicht genug deutsch konnte.

Meine erste ernsthafte Gesprächspartnerin hatte zur Linken zwar erst mal nichts gutes, uns aber dennoch einiges zu sagen. Beschwerte sich über in der Straße wohnende Syrer und deren (ihr zu teure) Autos, (und ließ noch etliches mehr an rassistischen Ressentiments vom Stapel) aber auch zu niedrige Rente, die Verschmutzung des Parks, dass junge Männer im Stadtteil nichts mit sich anzufangen wüssten, weil sie keine Ausbildungs- und Arbeitsperspektiven bekommen. Dann noch ein Gespräch dieser Sorte -man würde ja nie rechts wählen, aber „die“ wollen ja nicht deutsch lernen und schicken ihre Kinder nicht in den Kindergarten, aber ja, kostenlose Kitaplätze wären schon besser, und mehr Personal an den Schulen und Kitas der armen Stadtteile bräuchte es auf jeden Fall.

Mein Highlight des Tages war ein Gespräch, dass erst gar nicht beginnen sollte – mein Gesprächspartner hatte nämlich keine deutsche Staatsbürgerschaft und interessiert sich deshalb nicht für deutsche Politik. Als ich mich trotzdem für seine Meinung interessierte, hatte er dann doch einiges zu sagen: Dass man aus Gröpelingen höchstens als Leiharbeiter einen Fuß in die Industriebetriebe setzt, in denen recht gut bezahlt wird (Airbus, Daimler), dass die Jobcenter einen trotz abgeschlossener Ausbildung in mies bezahlte Stellen vermitteln wollen, dass der Stadtteil zurückgelassen wird und dringend mehr für die Jugendlichen getan und in die Schulen investiert werden müsste.

Zwischendurch gab es viele Türen, an denen niemand öffnete, einige, die überhaupt kein Interesse an einem Gespräch oder jedenfalls keinem mit der LINKEN hatten.  Es gab übrigens niemanden, der mir zu verstehen gab, mein Klingeln sei unverschämt und ich solle verschwinden. Andere hatten ähnliche Gespräche, aber ebenso unfreundlichere wie positivere Reaktion, wo sie auf unsere tatsächlichen oder möglichen Wähler*innen trafen. Ein Team konnte im Gegensatz zu mir nützliche Fremdsprachen und konnte so noch erfolgreichere Gespräche führen.

Mein erstes Fazit ist:

  1. Haustürbesuche sind mühsame Arbeit. Ich habe in rund anderthalb Stunden nur drei so vollständige Gespräche geführt, dass ich anschließend substantielles Feedback für die Bundesgeschäftsstelle ausfüllen konnte. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ich nur an sehr guten Tagen in anderthalb Stunden Infostand drei intensivere Gespräche führe – und darin selten so viel über die persönliche Betroffenheit von Leuten und ihren Umgang damit erfahre. (Und am Infostand kann man nicht selbst weitergehen, wenn man merkt, dass ein Gespräch nix mehr bringt…)
  2. Ich glaube, es lohnt sich.
    Dass wir da waren, hinterlässt Spuren. Selbst bei denen, die keine Zeit oder keine Lust hatten, mit uns zu reden. Vielleicht bei Leuten, die davon hören, dass wir mit anderen geredet haben. Und nicht zuletzt bei uns: Die Motivation war bei eigentlich allen in der Mittagspause unglaublich gut. Das Gefühl, unsere Zielgruppen direkt zu erreichen und unmittelbare, persönliche Kontakte zur LINKEN aufzubauen, gewinnen wir als Aktive so bei wenigen anderen Aktivitäten. Es stärkt uns zu erfahren, wie unsere Positionen und Forderungen ankommen, was aufgegriffen wird, wie wir Menschen mit linken Positionen in Kontakt bringen können.
  3. Wir können mit den Widersprüchlichkeiten des Alltagsverstands umgehen, ohne uns zu verbiegen
    Gerade im letzten Jahr haben wir erbitterte innerparteiliche Auseinandersetzungen darüber geführt, wie damit umzugehen sei, dass ein Teil der Menschen, die wir unserem Anspruch nach vertreten wollen, rassistische Positionen vertritt, für diese offen ist oder rechte Parteien wählt. Wenden wir uns von diesen Menschen ab und stattdessen anderen Wähler*innengruppen zu? (Dass wir auch andere ansprechen müssen, steht für mich außer Frage). Stellen wir unsere antirassistischen Positionen zurück oder schleifen sie gar, um besser anschlussfähig zu werden?

    Ich hielt beides schon länger für eine Kapitulation – und meine Erfahrung von heute sagt mir, dass es nicht nur falsch, sondern auch gar nicht nötig ist, unseren Antirassismus zu verstecken oder gar abzulegen, um (wieder ?) mit Menschen ins Gespräch zu kommen, deren Alltagsverstand zumindest von rassistischen Versatzstücken gespickt ist. Ich habe rassistische Äußerungen hinterfragt oder ihnen offen widersprochen, und konnte dennoch mit den Leuten über zu niedrige Renten und zu teure Kitas sprechen.
    Dabei ist zu bemerken: Die Leute, mit denen ich hier gesprochen habe, hatten rassistische Ressentiments, aber keine konsequenten, geschlossenen rassistischen Weltbilder. Sonst hätten sie meinen Antworten wahrscheinlich nicht zugehört, vielleicht auch gar nicht mit mir geredet, oder ich hätte die Gespräche ergebnislos abbrechen müssen. In diesem Sinne stimmt es ja: Nicht alle, die jetzt die AfD gewählt haben, sind Nazis. Aber wir müssen uns ihren Rassismus gar nicht schönreden, wenn wir um sie kämpfen wollen.

 

P.S.: Um keine Mythen zu nähren: Zumindest in Umfragen zur Bundestagswahl ist die Zahl derer, die sich vorstellen könnten, uns zu wählen, aber stattdessen aktuell die AfD wählen würden, ziemlich gering. Zahlenmäßig entscheidender sind vor allem die noch unentschlossenen (insbesondere mögliche Nichtwähler*innen) aber auch SPD-Wähler*innen.

 

 

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